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Wenn Männer an Ablehnung zerbrechen und Frauen den Preis zahlen

  • 4. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Juli

Wie Obsession den Golden Retriever Boyfriend neu denkt und die Spiritualisierung patriarchalen Besitzanspruchs entlarvt.


Ich sag' euch, warum gerade alle über Obsession reden und warum der Hype ausnahmsweise verdient ist.


Weil der Film Incel-Kultur, Black Magic, New Age Manifestation Bubbles, weibliche Autonomie und Consent nicht einfach nebeneinanderlegt, sondern zeigt, wie eng sie miteinander verwoben sind.


Obsession schichtet ein Kulturphänomen nach dem anderen übereinander und zeigt auf brillante Weise, wie gefährlich die Mischung aus Einsamkeit, männlicher Kränkung und einer Fantasiewelt ist, in der sich jeder Wunsch erfüllen lässt. Denn sobald Bear einen Wunsch frei hat, offenbart sich sein verkorkstes Verständnis von Liebe:



Man kann sie sich einfach wünschen, manifestieren, heraufbeschwören.


Dabei liegt der vielleicht wichtigste Liebesbeweis in etwas viel Unromantischerem:

dem anderen die Freiheit zu lassen, Nein zu sagen.


Genau das verrät eine scheinbar beiläufige Szene im Esoterik Shop. Als Bear versucht, die Halskette für Nikki zu kaufen, greift er zunächst zu einem Citrin-Kristall, der für Glück und Freude steht. Letztlich entscheidet er aber: „Das würde ihr nicht gefallen“ und wählt stattdessen den „Wishing Willow“ (den Wunsch-Weiden-Anhänger), den er am Ende selbst benutzt.


Schon hier wird klar, dass es Bear nie um Nikkis Glück ging. Immer wenn er glaubt, etwas für sie zu tun, dient es letztlich nur dazu, seine eigene Besessenheit und seine eigenen Wünsche zu nähren.




Nikkis obsessives Verhalten und Sätze wie "Why don't you love me?" wirken zunächst wie ein klassischer Horrorfilm-Move. Tatsächlich sind sie aber vor allem eines: eine nach außen gestülpte Version von Bears eigener Obsession. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass in diesen Momenten eigentlich Bear selbst aus Nikki spricht. Seine Verlustangst. Sein Besitzanspruch. Sein verzweifelter Wunsch, geliebt zu werden - koste es, was es wolle.


Umso tragischer wird diese Dynamik, als der Film zeigt, dass die echte Nikki nie vollständig verschwunden ist. Sie ist noch irgendwo in ihrem Körper gefangen und bricht immer wieder für Sekunden durch. Das Foto in Bears Brotdose, auf das sie"Not me" schreibt, ist kein kryptischer Hinweis, sondern ein Hilferuf. Nikki glaubt in diesem Moment noch, Bear würde sie retten, wenn er nur versteht, dass etwas mit ihr nicht stimmt.


Aber sie bittet ausgerechnet ihren Täter um Hilfe.


Selbst als sie ihn schließlich anfleht, sie zu töten und sie damit zu befreien, entscheidet sich Bear dagegen. Nicht aus Liebe, sondern weil sein Bedürfnis, sie zu besitzen, größer ist als ihr Wunsch nach Freiheit.


Genau hier kippt auch die Dynamik zwischen Bear und der Entität. Anfangs versucht sie noch verzweifelt, die echte Nikki zu imitieren - ihre Stimme, ihre Gesten, ihre Persönlichkeit. Aber mit jedem Moment, in dem Bear ihre Widersprüche ignoriert, lernt sie etwas Entscheidendes:


Er liebt Nikki gar nicht. Er liebt nur die Vorstellung von ihr. (Wer kennt's nicht...)


Also hört sie auf, menschlich sein zu wollen. Stattdessen wird sie immer mehr zu der Version von Nikki, die Bear sich die ganze Zeit gewünscht hat: bedingungslos, verfügbar und vollkommen auf ihn ausgerichtet. Die Entität wird nicht deshalb zum Monster, weil sie böse ist. Sie wird zum Monster, weil Bear ihr zeigt, dass sie es sein darf. Er entscheidet sich jedes Mal für die Fantasie und gegen den echten Menschen.




Obsession ist letztlich ein Film über Männer, die Liebe mit Erfüllbarkeit verwechseln. Über eine Kultur, die suggeriert, dass es für jedes Problem ein Manifestationsritual, einen Algorithmus oder einen Life Hack gibt - warum also nicht auch für Zurückweisung? Wenn Liebe zum Wunschobjekt wird, ist das Nein des anderen nur noch ein Hindernis, das überwunden werden muss.


Wir leben in einer Kultur, in der Frauen lernen, höflich Nein zu sagen und Männer lernen, ein Nein zu verhandeln. "Obsession" legt den Finger genau in diese Wunde. Nicht Liebe macht den Mann gefährlich, sondern der Glaube, Anspruch auf sie zu haben. Am Ende ist sie die "Crazy Ex" und er bloß ein Mann mit gebrochenem Herzen. Genau diese Erzählung zerlegt der Film.







Gleichzeitig zeigt der Film noch etwas anderes: den Wunsch, geliebt zu werden – um jeden Preis. Das Bedürfnis, gewählt zu werden. Die Hoffnung, dass der Richtige auftaucht und alles heilt. Genau dort treffen sich moderne Dating-Kultur, Pick-Me-Mentalität und die endlose Suche nach Bestätigung.


Auf TikTok nennen wir es "Black Magic", Liebesrituale oder Manifestation. Die Vorstellung, man könne jemanden dazu bringen, einen zu lieben, zieht sich durch Popkultur und Social Media. Aber was steckt eigentlich dahinter?


Der Wunsch, Kontrolle über etwas zu bekommen, das sich nicht kontrollieren lässt.

Liebe entsteht nicht durch Manipulation. Nicht durch Strategien. Nicht durch Manifestationen, die den freien Willen einer anderen Person ersetzen sollen. Und schon gar nicht dadurch, dass jemand ein Nein einfach nicht akzeptiert.


Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft von Obsession:

Pass auf, was du dir wünschst.


Denn nicht jeder Wunsch ist Liebe. Nicht jede Aufmerksamkeit ist Zuneigung. Und nicht jeder Mann, der nicht loslassen kann, kämpft um dich – manchmal kämpft er nur gegen sein eigenes Ego.


Die größte Green Flag ist deshalb nicht jemand, der alles für dich tun würde.

Sondern jemand, der ein Nein akzeptiert.

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