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Radikale Akzeptanz für die Baddies

  • 4. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Juli

Stell dir vor, das Leben zieht dir komplett den Boden unter den Füßen weg. Und dein erster Gedanke ist nicht: Warum ich?, sondern: Okay. Das ist jetzt meine Realität. Nicht, weil es dir egal ist. Nicht, weil du aufgegeben hast. Sondern weil du weißt, dass jeder Kampf gegen die Realität dich nur länger in ihr gefangen hält. Aber wie entwickelt man diese radikale Akzeptanz?


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Schmerz ist unvermeidlich. Leiden nicht immer.


Radikale Akzeptanz ist ein Konzept aus der dialektisch-behavioralen Therapie (DBT). Klingt erst mal super wissenschaftlich, ist aber eigentlich ziemlich simpel:


Du hörst auf, mit der Realität zu diskutieren.


Das bedeutet nicht, dass du gut finden musst, was passiert ist. Es bedeutet auch nicht, dass du sofort weitermachen oder positiv denken musst. Es bedeutet nur, anzuerkennen:


Es ist passiert.


In dem Moment, in dem etwas passiert, ist es streng genommen schon vorbei. Natürlich fängt oft erst dann der eigentliche Schmerz an.

Aber genau hier liegt der Unterschied zwischen Schmerz und Leid.

Schmerz gehört zum Leben. Trennungen tun weh. Verluste tun weh. Enttäuschungen tun weh. Daran führt kein Weg vorbei.


Leid (das englische suffering im buddhistischen Kontext) entsteht oft erst dann, wenn wir anfangen, uns im Kreis zu drehen. Was wäre gewesen, wenn...? Warum habe ich das nicht anders gemacht? Warum passiert das immer mir? 


Wir verbringen Stunden, Tage oder sogar Monate damit, gegen etwas anzukämpfen, das längst Realität geworden ist. Und genau dieser Widerstand kostet uns oft mehr Kraft als das eigentliche Ereignis.




Akzeptanz heißt nicht, dass es dir egal ist


Das wird oft missverstanden.

Radikale Akzeptanz bedeutet nicht, die Schultern zu zucken und zu sagen: "Ist halt so."

Radikale Akzeptanz bedeutet auch nicht, jedes Verhalten anderer zu akzeptieren. Sie bedeutet, die Realität anzuerkennen, um von dort aus bewusst handeln zu können. Wenn dir Unrecht widerfährt, kann Akzeptanz vor allem bedeuten: „So lasse ich mich nicht behandeln.“ 

Der Unterschied ist, dass deine Handlung nicht aus blinder Wut oder Rache entsteht, sondern aus Klarheit.


Die größte Säule auf die radikale Akzeptanz aufbaut ist das Fühlen. Traurig zu sein, wenn du traurig bist. Wütend zu sein, wenn du wütend bist. Enttäuscht zu sein, ohne dich dafür zu verurteilen. Unseren Gefühlen freien Lauf zu lassen, heißt eben nicht, dass wir gegen das Passierte ankämpfen, ganz im Gegenteil - sich zu spüren ist ein direktes Resultat daraus, die Realität anzunehmen und zu verarbeiten.


Nicht jede Emotion muss sofort gelöst werden. Manche wollen einfach nur gefühlt werden.

Und ehrlich? Das ist der schwierigste Teil.

Gerade nach Trennungen, Fehlern oder Verlusten rutschen wir schnell in Selbstvorwürfe. Wir analysieren jedes Gespräch, jede Entscheidung und jede Kleinigkeit, als könnten wir die Vergangenheit dadurch noch verändern.



Können wir aber nicht. Und ehrlich gesagt sollten wir das auch gar nicht. Radikale Akzeptanz bezieht sich nämlich nicht nur auf das, was passiert ist, sondern auch auf die Person, die du in diesem Moment bist. Du hast mit dem Wissen, den Werkzeugen und den emotionalen Ressourcen gehandelt, die dir zu diesem Zeitpunkt zur Verfügung standen. Sich im Nachhinein mit endlosen Selbstoptimierungsgedanken oder Psychoanalysen einzureden, man hätte alles anders machen können, gibt uns zwar kurzfristig ein Gefühl von Kontrolle, ist aber oft nur eine Illusion. Nicht alles lag in deiner Hand.

Auch das anzunehmen, ist radikale Akzeptanz.


Das Leben bewegt sich weiter... also du auch


Radikale Akzeptanz endet nicht beim Annehmen.


Sie schafft überhaupt erst den Raum, wieder ins Handeln zu kommen.

Denn solange wir unsere gesamte Energie darauf verwenden, gegen die Realität zu kämpfen, bleibt kaum Energie übrig, um etwas Neues aufzubauen.

Deshalb geht es nach der Akzeptanz darum, den Fokus langsam wieder auf das zu richten, was du beeinflussen kannst. Auch neurologisch ist es bewiesen, dass neue Nervenbahnen erst dann entstehen, wenn wir den Fokus vom Verlust auf etwas Neues setzen. Deshalb entsteht ja bei Kummer so oft etwas Kreatives, oder ein Projekt, das man auf der Strecke gelassen hat. Die Aufmerksamkeit auf etwas neues zu richten, ist also kein Ablenkungsmechanismus, sondern backed by science. Deine Energie fließt dahin, wo dein Fokus ist. Aber auch hier nochmal die Erinnerung: Den Fokus überhaupt langsam auf das zu richten, was dich voran bringt, setzt voraus, dass du jeglichen Gefühlen zuvor Raum gegeben hast.



Vielleicht bedeutet das, neue Routinen zu entwickeln. Neue Menschen kennenzulernen. Sport zu machen. Zu reisen. Ein neues Projekt anzufangen.

Nicht, um vor deinen Gefühlen wegzulaufen.

Sondern weil Emotionen in Bewegung bleiben wollen. Heilung passiert selten, wenn wir innerlich und äußerlich stillstehen.



Es ist ein Training, kein Schalter


Ich wünschte, radikale Akzeptanz wäre eine Entscheidung, die man einmal trifft und dann ist alles gut. Ist sie aber nicht.


An manchen Tagen klappt es richtig gut. An anderen diskutierst du wieder stundenlang mit der Vergangenheit. Auch das gehört dazu.

Es ist weniger eine Technik als ein neues Gedankenmuster. Dazu kann man sich direkt einen neuen Gedankenweg aneignen. Was ist wenn du das ganze Bild des Geschehens nicht siehst? Vielleicht sind die Dinge, die uns zur radikalen Akzeptanz zwingen, nie für uns vollkommen bestimmt gewesen. Vielleicht herrschen hinter den Kulissen Beweggründe, Absichten und Intentionen, von denen wir keine Ahnung haben. Demnach ist das Passierte vielleicht sogar eine Art Intervention, ein kosmischer Schutz vor dem, was noch alles hätte passieren können. Und auch wenn du das Gefühl hast, dir ist schon das Maximum passiert, liegt vielleicht genau darin die Chance sich im Akzeptieren zu trainieren.


Vielleicht ist genau das wahre Loslassen


Für mich ist innerer Widerstand eine der größten Herausforderungen überhaupt.

Je mehr ich versuche, etwas ungeschehen zu machen, desto länger bleibe ich darin stecken.

Radikale Akzeptanz bedeutet deshalb nicht, das Leben einfach hinzunehmen.

Sie bedeutet, aufzuhören, gegen etwas zu kämpfen, das bereits passiert ist und die frei gewordene Energie stattdessen in das Leben zu investieren, das noch vor dir liegt.

Denn manchmal beginnt Heilung nicht in dem Moment, in dem der Schmerz verschwindet.

Sondern in dem Moment, in dem du aufhörst, mit der Realität zu diskutieren.




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